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VALERIE SOLANAS

Solanas: „Warhol ist ein Aasgeier und ein Dieb!“

 

An einem sommerlichen Junitag im Jahr 1968 stieg Andy Warhol am Union Square vor seiner Factory aus dem Taxi und fuhr sich elegant mit seinen blassen Fingern durch die strohfarbenen Strähnen seiner Perücke. Er hatte noch bei Bloomingdale’s vorbeigeschaut, um seine Kaufsucht zu befriedigen, war aber nicht so richtig fündig geworden. Normalerweise kaufte er immer sechs oder sieben Sachen an einem Tag, doch heute hatte ihn nichts so recht angemacht. Zumindest hatte er gut gegessen.

 

Während er zum Aufzug seiner Factory schlenderte, ahnte er noch nicht, dass er an diesem Tag endgültig in die Geschichte eingehen und damit die Preise für seine Arbeiten durch die Decke gehen würden, denn bis dato war es ein ganz entspannter Montag gewesen. Wie immer, hatte er morgens noch mit seiner Mama Julia zusammen gebetet und war danach noch auf einen Sprung bei seinem Anwalt und seinem Arzt vorbeigefahren, um dann zum Arbeiten in die Factory zu gehen. Doch dort lauerte schon eine böse Überraschung auf ‚Drella‘, wie er von seinen Freunden genannt wurde und eine Mischung aus Dracula und Cinderella bedeutete.

 

Valerie Solanas war die ältere von zwei Töchtern. Sie wuchs in desolaten Familienverhältnissen auf. Die Mutter Trinkerin, die die Augen vor den sexuellen Übergriffen des Vaters an seinen eigenen Kindern verschloss. Der Vater gewalttätig und sexsüchtig. Als man Valerie mit 13 Jahren beim Ladendiebstahl erwischte, kam sie in ein Mädcheninternat für straffällige Jugendliche. Dadurch konnte sie damals dem schrecklichen Elternhaus entfliehen, was sie als zeitweilige Rettung empfand. Später studierte sie und legte im Fach Psychologie ein Examen an der University of Maryland ab.

 

Mitte der 1960er lebte Solanas im New Yorker Stadtbezirk Manhatten. Sie hatte ein Manifest geschrieben, was sie hektographiert in den Cafés von Greenwich Village verkaufte. Dieses Essay, mit dem Namen S.C.U.M. (Society for Cutting Up Men) Manifesto (zu deutsch ‚Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer‘), hatte es ziemlich in sich und sorgte damals für hitzige Kontroversen. Wer war diese Solanas? War sie eine Kriminelle? War sie eine Verrückte? War sie eine Künstlerin? War sie eine radikale Feministin? 

 

Gegen die Freudsche Konstruktion eines weiblichen "Penisneides" stellt Solanas in ihrem Manifest die These auf: "Männer haben einen Vagina-Neid". Der Mann müsse "dauernd zwanghaft kompensieren, dass er keine Frau ist. Dadurch und durch seine Unfähigkeit zu menschlichem Kontakt hat das männliche Geschlecht die ganze Welt in einen riesigen Scheißhaufen verwandelt." Und sei folglich unter anderem verantwortlich für Krieg, Ehe, Prostitution, Autorität, Regierung, Konformismus, Religion etc. und Geld“. „Außerdem gäbe es gar keinen humanen Grund für die Existenz des Geldes oder für die Tatsache, dass irgendwer arbeiten muss, denn in einer Gesellschaft ohne Geld könnte jede Frau von allem, was sie will, das beste und in jeder Menge haben…!“

 

Sie sah schmuddelig aus und ernährte sich von Resten, die andere im Fast-Food-Imbiss auf den Tellern hinterließen. Wenn es mit dem Schnorren nicht klappte, ging sie auf den Strich. In patriarchaler Lesart war sie einfach ‚eine Frau ohne ‚jeglichen Anstand‘. Eine verdreckt-verlumpte Lesbenschlampe in "männlichem" Outfit, eine Männerhasserin und -mörderin, Sandlerin, ein kette-rauchender Schlot. Ein Flintenweib, das auf der Straße lebt, PassantInnen anschnorrt und ihren Körper für ein paar Dollar verkauft. Kurz gesagt, S.C.U.M. wurde bei der männlichen Bevölkerung mit Dreck und Abschaum gleichgesetzt und somit war sie bei den Männern auch nicht sonderlich beliebt.

 

Demgegenüber war Valerie Solanas eigentlich auch ein verkanntes Genie, eine komplexe Denkerin und Feministin. Sie übte damals schon eine profunde Gesellschaftskritik einer patriarchalen Gesellschaft, deren strukturelle Gewalt sie durchschaut hatte. Doch bleibt sie darin nicht gefangen, sondern geht über die Analyse – auch des Konnexes Kapitalismus -Patriarchat – hinaus, in dem sie haarscharf die Ansatzpunkte und Schaltstellen für die Verkommenheit der "untergehenden Gesellschaft" ortet. Sie geht an die Essenz des von der männlichen Geschlechtsklasse erfundenen und allerorts gepflegten Systems, wickelt das Knäuel auf und entrollt den Faden, zeigt die Knoten, sticht hinein und belässt es nicht mit Infragestellung, gibt stattdessen Antworten, auch wenn diese als missverständlich aufgefasst werden. Valerie Solanas richtet sich vor allem – und das ist wahrlich revolutionär - gegen die Beruhigung, ja deckt jene als Trick der Nutznießer des Systems auf, als ledigliche Zugeständnisse an die Unterdrückten, die in erster Linie ja die Frauen sind. Sie weiß um diese kosmetische Ablenkung, wenn sie sagt, dass "wir unserem Wunsch dazuzugehören, misstrauen müssen“.

 

(Valerie Solanas: „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“, März-Verlag 1969)

 

1967 traf Solanas den Verleger Maurice Girodias, der zu diesem Zeitpunkt vor allem Untergrund-Literatur sowie Pornografie veröffentlichte. Er war von ihrem Wortwitz so begeistert, dass er ihr die Rechte am S.C.U.M. Manifest abkaufte. Zu dieser Zeit lernte sie auch Warhol kennen und bald ging sie in dessen Factory ein und aus, wobei sie sich jedoch nie als richtiges Mitglied der Kommune fühlte. Sie wollte, dass Warhol ihr Theaterstück ‚Up your Ass‘ (zu deutsch „Schieb’s dir in den Arsch“ bzw. sinngemäß „leck mich“) produzierte und vertraute ihm ihr einziges Manuskript an, da er interessiert zu sein schien. Warhol gefiel zwar der Titel sehr, aber als er das ganze Drehbuch las, fand er es zu obszön und dachte, sie sei vielleicht in Wirklichkeit von der Polizei und wolle die ganze Factory-Crew reinlegen. 

 

Sie nervte ihn immer wieder wegen dem Stück und war nur darauf aus, mit Andy unter vier Augen zu sprechen, was ihr gegen alle Widerstände immer wieder gelang, wie sich Gerard Malanga erinnerte. Schlussendlich gab ihr Andy eine kleine Nebenrolle in dem Film „I, a Man“ für ein Honorar von 25 Dollar, wobei er ihr gestand, dass wohl irgendjemand in der Factory das einzige Manuskript ihres Theaterstücks weggeworfen habe. Dies war eigentlich keine große Überraschung, denn wie so vieles, verschwanden laufend irgendwelche Dinge und Unterlagen spurlos im Chaos der Factory.

 

Valerie Solanas war außer sich vor Wut. Sie fühlte sich von der Factory-Crew ausgenutzt und verlangte eine Gagenerhöhung. Außerdem bezeichnete Sie Warhol fortan als elenden Dieb und Aasgeier. Nachdem sie ihn auch telefonisch immer wieder bedrängt und genervt hatte, wurde sie von der Factroy ausgeschlossen. Als ihre Unterkunft im Chelsea Hotel dann auch noch gekündigt wurde, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und wollte sich an Andy rächen.

 

Sie ging zur Factory, suchte Warhol dort auf und zog eine 32er Beretta Automatik. Sie feuerte dreimal hintereinander auf ihn. Er brach zusammen und war schwer verletzt. Dann schoss sie den Kunstkritiker Mario Amaya in die Hüfte und versuchte Warhols Manager Fred Hughes in den Kopf zu schießen, wobei aber die Pistole blockierte. Danach flüchtete sie hinaus auf die Straße und verschwand in der Menge. Fred rettete Andy mit Mund-zu-Mund-Beatmung und sorgte dafür, dass er sofort in die Klinik gebracht wurde, wo man ihn stundenlang operieren musste. Ohne Fred Hughes hätte Warhol damals wohl nicht überlebt.

 

Solanas wurde kurze Zeit später gefasst und dem Polizisten, der sie festnahm, sagte sie: „Er hatte einfach zu viel Kontrolle über mein Leben.“ Weiterhin erklärte sie zu den Motiven ihres Mordversuchs, sie habe die degradierende Darstellung von Frauen in Warhols Filmen rächen wollen. Sie schloss mit dem Satz: „Mit ihm zu reden ist so, als ob man mit einem Stuhl redet.“

 

Das Attentat katapultierte Andy in den Superstar-Himmel, denn dank dieses Mordanschlags explodierten die Preise für seine Arbeiten. Die Medien stürzten sich wie die Geier auf den Vorfall und einige Journalisten nutzen die Sache, um mit Warhol (dem blonden Guru einer albtraumhaften Welt, der Entartetes fotografierte und als Wahrheit deklarierte‘), abzurechnen. Ständig erschienen neue Geschichten in der Presse und Warhol war omnipräsent. Bilder, die zuvor für 200 Dollar zu haben waren, erzielten nun Preise von 15.000 Dollar. 

 

Solanas wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, die sie im Matteawan State Hospital für kriminelle Geisteskranke absaß. Dazu empörte sich damals der ehemalige Factory-Musiker Lou Reed mit folgenden Worten: „Man kriegt schon mehr, wenn man ein Auto klaut. Dieses Urteil spiegelt meines Erachtens nur den Hass der Gesellschaft auf Andy Warhol wider.“

 

Der Vorfall hinterließ tiefe Spuren bei Warhol. Er schien traumatisiert zu sein und stürzte sich nach seiner Entlassung aus der Klinik sofort wieder in die Arbeit. Er änderte seine Lebensgewohnheiten drastisch, da er stets Angst hatte, dass erneut ein Verrückter versuchen könnte ihn zu ermorden.

 

Valerie Solanas sollte nie wieder richtig auf die Füße kommen. Sie tingelte nach ihrer Entlassung 1971 als Obdachlose durchs Land und lebte in den 1980er-Jahren in Kalifornien. Am 25. April 1988 wurde sie vom Hausmeister eines Obdachlosenheims in San Francisco tot aufgefunden. Sie war mit 52 Jahren an einem Lungenemphysem elendig erstickt.

 

 

 

 

 

 

Quellenangaben: Wiki, TAZ, Spiegel, Der Standard, Emma

 

Valerie Solanas (geboren am 9. April 1936 in Atlantic City, New Jersey) wuchs in schlimmen Familienverhältnissen auf und studierte später Psychologie an der University of Maryland.

In den 1960er-Jahren verkehrte sie in der Factory von Andy Warhol in New York, wo es schlussendlich zum Eklat zwischen ihm und ihr kam.

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